Woman, Life, Freedom
-über die aktuellen Proteste im Iran
von Mahta Biglarbeagi-Ghajar
18. Januar 2026
Heute war ich auf einer Demo zur aktuellen Situation im Iran. Und ich habe gemerkt, wie sehr mich das emotional mitgenommen hat – viel mehr, als ich erwartet hätte.
Mein Papa ist vor etwa 40 Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet. Er kann bis heute nicht zurück. Nicht, weil er nicht will, sondern weil es für ihn gefährlich wäre. Für ihn ist diese politische Realität keine Schlagzeile, sondern ein lebenslanger Zustand.
Nach der Demo habe ich ihm eine Frage gestellt, die ich ihm noch nie gestellt hatte: Was wäre das Erste, was du tun würdest, wenn du wieder in den Iran könntest?
Er sagte: Ich würde zuerst an das Grab meiner Eltern gehen.
Er konnte bei keiner der Beerdigungen dabei sein. Nicht aus freier Entscheidung, sondern weil er nicht durfte.
Während er das gesagt hat, habe ich gesehen, wie er gegen die Tränen gekämpft hat. Ich habe meinen Papa vielleicht ein einziges Mal in meinem Leben weinen sehen – als sein Vater gestorben ist.
Das Zweite, was er tun würde, ist, an den Ort zu gehen, an dem er aufgewachsen ist. Und ihn mir und meinem Bruder zu zeigen.
Dieser Moment hat mir noch einmal so klar gezeigt, was autoritäre Systeme Menschen wirklich nehmen: nicht nur politische Rechte, sondern Abschiede, Erinnerungen, Herkunft, Geschichte, Verbindung.
Unterdrückung ist nie neutral. Sie trifft Körper, Familien, Identitäten – und ganz besonders Frauen.
Im Iran kämpfen Frauen seit Jahrzehnten nicht nur für politische Freiheit, sondern für ihr Recht auf Sichtbarkeit, Selbstbestimmung, Würde und Leben. Für das Recht, zu entscheiden, wie sie existieren dürfen. Für das Recht, überhaupt gehört zu werden.
Und auch heute, drei Jahre nach den Großdemonstrationen unter dem Motto "Frau, Leben, Freiheit" ist die Lage im Iran von massiver Unterdrückung geprägt.
Feminismus bedeutet für mich, diese Kämpfe nicht als „andere Probleme“ zu sehen. Sondern als Teil derselben Struktur, die weltweit darüber entscheidet, wessen Freiheit verhandelbar ist und wessen nicht.
In der oft sehr neutralen, rationalen Berichterstattung geht leicht verloren, was das alles für echte Menschen bedeutet: ihre Emotionen, ihre Verluste, ihre unerzählten Geschichten.
Heute denken wir an die Menschen im Iran, die trotz unmenschlicher Repression und brutaler Gewalt weiterhin für Freiheit, Gleichberechtigung und Menschenrechte aufstehen.
Was aktuell dort passiert, ist eine der schwersten gewaltsamen Unterdrückungen in der jüngeren Geschichte des Landes - mit tausenden Toten, massiven willkürlichen Festnahmen, Internet-Blackouts und einem Staat, der versucht, Stimmen von Frauen und AktivistInnen zu ersticken.
Frauen stehen im Zentrum dieses Kampfes - nicht nur als Teil des Widerstands, sondern als Führende, als Mutige, als unerschütterliche Kraft gegen patriarchalen Zwang und staatliche Gewalt.
Dieser Widerstand ist mehr als ein politischer Protest: Er ist ein Schrei nach Autonomie, gegen Kontrolle über Körper und Leben, gegen Zwangsgesetze, die vor allem Frauen und marginalisierte Gruppen treffen.
Wir stehen an der Seite jener, deren Geschichten im Dunkel der Zensur und Internet-Sperren fast verschwinden. Wir teilen ihre Worte, ihre Bilder, ihre Hoffnung - nicht als voyeuristische Zuschauer, sondern als solidarische Stimmen, die Unrecht beim Namen nennen.
Heute senden wir Kraft an alle, die dort für ein Leben in Würde kämpfen.